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Sozial? Digital? oder von beidem ein bisschen?

neue Broschüre zur Personalentwicklung in der digitalen Arbeitswelt 

Bits und Bytes und Algorithmen sind die Grundlage für unsere Kommunikation, unsere Informationsbeschaffung, unser Wissen und mitunter unser Verhalten geworden. Die sogenannte „Digitalisierung“ hat Einzug gehalten in unseren Alltag und unsere Arbeitswelt. Unsere tägliche Arbeit mit den Betriebsrätinnen und Betriebsräten zeigt, dass sich auch beim Thema Personalentwicklung und Weiterbildung durch Digitalisierung einiges ändert.

Eine Arbeitsgruppe des BAT hat beschlossen, sich genauer anzusehen, was derzeit in den Abteilungen mit Personalverantwortung diesbezüglich vor sich geht. Herausgekommen ist eine Broschüre, die Beispiele aus der Arbeitswelt zeigt, rechtliche Fragen zu beantworten sucht, gängige Methoden und Strategien seitens der Geschäftsführung darstellt sowie Handlungsoptionen für den Betriebsrat und die Belegschaft vorschlägt.

Big-Data-Analysen, Profiling und Qualifikationsdatenbanken

Der Einsatz von Big-Data-Analysen kann bei BewerberInnen völlig neue „Eigenschaften“ zu Tage fördern. Durch Profiling (das ist das ausschließlich auf Algorithmen basierende Erstellen von Persönlichkeitsprofilen auf Basis von jeglichem erreichbaren Datenmaterial) von potentiellen Fachkräften können Personalentscheidungen völlig anders ausfallen als zuvor.

Trends bei Personalentscheidungen und Weiterbildung

Diese Broschüre zeichnet die Trends nach, die es in der Personalentwicklung, bei Personalentscheidungen und bei der Weiterbildung gibt. Qualifikationsdatenbanken, Bewerbungstests und Weiterbildungsangebote im Online-Spieldesign und andere Trends werden unter die betriebsrätliche Lupe genommen und es werden zahlreiche Beispiele aus der betrieblichen Praxis dargestellt.

Erhältlich ist die Printausgabe im Servicecenter der GPA-djp unter 050301 – 301.

digital downloaden können eingeloggte Mitglieder hier

Fußball – eine private Angelegenheit?

fußball1Der Fußballplatz, das Stadion, die Tribüne wird wohl von den meisten Menschen als Ort der  Privatsphäre gesehen. Du triffst dich in deiner Freizeit mit Freundinnen, Bekannten und Familie, singst und/oder grölst vielleicht und erlebst – je nach Spielverlauf – Gefühls-Auf-und-Ab.  Beruflich sind dort zwar auch jede Menge Menschen am Werk – es schaut sich jemand dein Ticket an und dir in den Rucksack, verkauft dir etwas zu trinken, putzt hinter dir die Toilette und last but not least arbeiten da die FußballerInnen, TrainerInnen, SanitäterInnen – doch wird diesen ArbeitnehmerInnen eher wenig Aufmerksamkeit zuteil.

Man könnte davon ausgehen, dass im öffentlichen Raum „Fußball-Stadion“ die Privatsphäre geschützt, das Recht auf freie Meinungsäußerung intakt und das auf Versammlungsfreiheit gegeben ist. Bei dieser Privatangelegenheit Fußball wird allerdings immer mehr Überwachungstechnik eingesetzt, die dazu führt, dass diese Grundrechte immer weiter untergraben werden.

Beispiel EM 2012: Das Fußballmagazin Ballesterer berichtete, dass Polen ein besonderes neues Personenerkennungs-System einsetzen möchte: „Ein Verdächtiger wird ausgemacht. Sein Gesicht wird gescannt und automatisch mit einer Polizeisuchmaschine abgeglichen, die Ergebnisse werden umgehend den Einsatzkräften vor Ort zugespielt. Dazu werden soziale Netzwerke nach Informationen über die Person durchsucht. So oder so ähnlich hat sich die EU die Funktionen des Sicherheitsprogramms INDECT vorgestellt.“

Beispiel Fußball-Fan-Datenbanken: Namenslisten mit besonders unter Beobachtung stehenden Fußball-Fans (inklusive deren Bekannten) sind seit 2006 bekannt. Sie werden für verschiedene deutsche Vereine (zB St. Pauli und  HSV ) von der Polizei  zur Vorbeugung/Verhinderung von Gewalttaten im Zusammenhang mit Fußballspielen geführt. Schätzungsweise sind 4.000 Menschen darin erfasst – Genaues ist unbekannt, weil das Recht auf Auskunft nicht eingehalten wird. Mittlerweile wurden diese Daten aufgrund von Beschwerden von Fan-Rechtsanwälten und dem Einschreiten des Hamburger Datenschutzbeauftragten gelöscht – wer sich tatsächlich darauf befand wird also für immer im Dunkel der Geschichte bleiben.

Beispiel Bezahl-Chip: in zahlreichen Stadien der deutschen Erstligisten wird ausschließlich ein digitales Zahlungssystem verwendet, dessen genaue Auswertungsmethoden und -ergebnisse jedoch unklar sind. Klar ist nur, dass die Umsätze in den Stadien angestiegen sind und die nicht eingetauschten Restbeträge den Vereinen ein beachtliches „Körberlgeld“ verschaffen. Wer essen/ trinken/ pinkeln möchte, muss sich dieser Karte bedienen. „Lediglich in Paderborn, Hamburg und Freiburg gibt es keine Chipkarten. Stuttgart und Köln haben sie zu Saisonbeginn abgeschafft, Mönchengladbach nach einer Fanumfrage nie eingeführt.“ schreibt das Magazin Focus 2015.

Beispiel elektronischer Mitgliedsausweis: 2014 zogen sich türkische Clubs aus Istanbul den Unmut ihrer Fans zu. Es sollten nur mehr zahlende Mitglieder in die Stadien gelassen werden, beschrieb ein Fan-Aktivist im Interview mit dem Ballester die Situation: „Um Tageskarten oder ein Saisonabo zu kaufen, wirst du gezwungen, Kunde bei der Aktifbank zu werden. Dann fallen schon einmal die ersten Gebühren an: Für den Erwerb der Karte und für jedes einzelne Spiel.“ Welche Daten genau auf der Karte gespeichert werden sollten, wurde deren BesitzerInnen nicht verraten.

Dass Eintrittskarten nur gegen ausführlichen Bekanntgabe personenbezogener Daten verkauft werden, ist allerdings kein neues Phänomen; bereits bei der WM 2008 kam es in Deutschland zu Kritik an ebenjener FIFA-Strategie, die gegen Hooliganismus und Schwarzmarkt-Handel helfen solle. Name, Adresse, Geburtsdatum und Ausweisnummer mussten jedenfalls zur Verfügung gestellt werden, wollte man per Los als zukünftigeR KartenbesitzerIn gezogen werden. „Zumindest gelang den Datenschützern im Vorfeld der WM ein Teilerfolg im Kampf gegen die Einschränkung der persönlichen Rechte. Die Weitergabe von Namen und Adressen der Kartenkäufer an die WM-Werbepartner wurde den Organisatoren verboten. “ schrieb der ballesterer.

Momentan kommen in französischen EM-Stadien unter dem Motto „Terrorverdacht“ intensive Taschen- und Personenkontrollen, Drohnen und Metalldektoren zum Einsatz.  Was 2012 in Polen angedacht wurde, dürfte 2016 in Frankreich, als „intelligente Videoanalyse“ bezeichnet, im Einsatz sein. Im Arbeitsleben würden da jede Menge betriebsrätliche  Mitbestimmungsrechte schlagend werden.

Es drängt sich die Frage auf, ob Fußball-Fans als „Versuchskaninchen“ im „datenschutzrechtlichen Labor-Experiment Stadion“ zum Einsatz kommen? Nützlich ist das vor allem für Security-Firmen, die für den technischen und personellen IT-Support sorgen. Dass unsere (Fußball-)Welt dadurch ein geschützterer (Wohlfühl-)Ort wird, darf bezweifelt werden.

 

über Scoring, Tracking, Profiling und Big Data

IMG_20150610_103513völlig subjektive und total verkürzte Eindrücke von der ver.di-Digitalisierungskonferenz in Berlin

IMG_20150610_140554Frank Bsirkse stellt in seinem Eingangsstatement fest, dass Software zunehmend Entscheidungen im Arbeits- und Alltagsleben strukturiert, prognostiziert und schlussendlich auch trifft. Das soll die Unternehmensleitung unterstützen – und in späterer Folge auch ersetzen, wie den Busfahrer?

Für mich ist die Vorstellung, einen Tarifvertrag mit einem Computeralgorithmus zu verhandeln wenig verlockend.

An das Rednerpult trat nach der deutschen Bundesministerin für Arbeit, Andrea Nahlens, auch Günther Öttinger, EU-Kommissar für digitale Wirtschaft und Gesellschaft. Nahlens sah die zukünftigen Problemlagen vor allem bei gering Qualifizierten, die in der digitalisierten Arbeitswelt nicht mehr Schritt halten könnten. Für eine Qualifizierungsoffensive macht sich auch Öttinger im Namen der EU-Kommission stark; sie ist eine wesentliche Säule der EU-Strategie „Digitale Agenda“.

Auf einem spannend besetzten Podium mit Vertreterinnen von Kunst, Wissenschaft und Politik beschäftigte man sich mit neuen Technologien in der Arbeitswelt. Frank Bsirkse und Annette Mühlberg hörten aufmerksam zu (siehe Bild).

IMG_20150610_162828Ich bin da echt kritisch bei dem Hype mit der Weiterbildung. Es gibt kein „Update 4.0“ für Beschäftigte. Welche Weiterbildung soll das denn sein? (Kristoffer Gansing, Transmediale)

Es braucht extremst partizipative Gestaltung der technischen Systeme durch die Beschäftigten. Die Fähigkeit mit dem Wandel umzugehen, ist bei den Beschäftigten vorhanden. Die können das. Die machen das ja ständig. Was fehlt, ist die Fähigkeit der Unternehmen, echte Partizipation zuzulassen. (Sabine Pfeiffer von der Uni Hohenheim)

Es herrscht eine „Totalisierung des Zählbaren“. Taxiunternehmen ohne Taxis, Hotelketten ohne Hotelbetten, etcetera brechen in die Branche ein und erzielen unglaubliche Marktwerte. (Lothar Schröder, ver.di-Bundesvorstand)

Rund um das Thema Scoring diskutierten am nächsten Vormittag eine hochkarätige Expertenrunde auf dem Podium. Die automatisierte Reihung und Beurteilung von Personen nimmt in den verschiedensten Lebensbereichen immer mehr zu. Egal ob bei Mieten, Flugbuchungen, Internetshopping oder bei der Kfz-Versicherung; die Anwendungsgebiete scheinen unbegrenzt.

Scoring für Werbung ist lästig, aber erträglich. Schluss ist, wenn Wahlmöglichkeiten beschnitten werden oder im schlimmeren Fall nur mehr zu teureren Konditionen zur Verfügung stehen oder im schlimmsten Fall gar nicht mehr!

benennt Klaus Müller, Vorsitzender der Verbraucherzentrale die Problematik.

Der Politikwissenschaftler Ben Wagner von der Forschungsstelle Internet und Menschenrechte an der Europa-Universität Frankfurt/Oder beobachtet:

Die Teilhabe wird für arme Menschen immer schwieriger, weil sie sich erst nackig machen müssen, bevor sie eine Leistung bekommen. Wer sich zum Beispiel in den USA von seiner Krankenversicherung tracken lässt, zahlt weniger ein.

Thilo Weichert, der Leiter der Datenschutzbehörde Schleswig-Holstein, schließlich bringt die Individualisierung auf den Punkt:

Es werden immer weniger gesellschaftliche Risiken versichert, sondern ein individueller Vertrag zwischen einem privaten Anbieter und einer Privatperson abgeschlossen. Da steuert dann ein privates Unternehmen das Verhalten von Individuen und sagt, was gut und was schlecht für sie ist. Das führt zur Selbstzensur. Da geht der kollektive Schutz verloren!

Ein anderes Podium erkundete die gewerkschaftlichen Bemühungen auf europäischer Ebene für mehr Mitbestimmung, Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung in Zeiten der Digitalisierung.

Danke an Tanja Buzek von ver.di für das Photo

Im Bereich der öffentlichen Dienstleistungen versucht die EU-Kommission immer mehr zu liberalisieren. Das kann man seit Jahren gut beobachten. (Jan Willem Goudriaan, Generalsekretär Europäischer Gewerkschaftsverband)

Seitens der EU-Kommission wird nur mehr auf den Wettbewerb und die Marktliberalisierung geschaut – die Arbeitsbedingungen, die die Digitalisierung auslöst, gehen da unter. (Oliver Röthig, UNI Europa)

Es kann nicht sein, dass die persönliche Einwilligung zu Datenverwendungen aller Art die Verwendung legitimiert.  Im Arbeitsverhältnis wird man selten wirklich freiwillig zustimmen. Das führt die Grundrechte ad absurdum. (Clara Fritsch, GPA-djp)

Also sind wir uns doch ehrlich, die Lobbyschlacht um die Datenschutzgrundverordnung haben die Unternehmenslobbyisten schon gewonnen. (Constanze Kurz, Chaos Computer Club)

Hier noch ein paar wenige der vielen Forderungen, die Frank Bsirkse am Ende der zwei Tage zusammenfasste:

„Wo wir gemeinsam weiter daran arbeiten müssen“

passendes Wandbild im Workshop-Raum

  • Ein Verbot von Gesundheitstracking im Arbeitsverhältnis und eine Festlegung, was öffentlichen Krankenkassen beim Gesundheitstracking erlaubt sein soll und was nicht
  • Ein Recht auf Nicht-Erreichbarkeit in der Arbeitszeit
  • soziale Absicherung von Crowdworkern
  • Digitalisierungsdividende, zB indem die durch die neuen Technologien frei gewordene Arbeitszeit an die Arbeitnehmerinnen weitergegeben wird
  • Vorrang für Anonymität  – vor allem bei der Nutzung von öffentlichen Diensten im Netz
  • europaweite offene standardisierte Schnittstellen  – insbesondere für öffentliche Dienstleistungen

Und es gibt sogar ein Gesetz, das in Österreich schon gilt und ver.di – noch erfolglos – fordert: Die Bildungskarenz, damit Arbeitnehmerinnen sich bei aufrechtem Arbeitsverhältnis auf die Erfordernisse der digitalisierten Arbeitswelt einstellen können.

 

 

 

 

„Big Brother“ im Alltag

117989_Überwachungsboxen im Auto, die das Fahrverhalten aufzeichnen und an die Versicherung Position, Geschwindigkeit und Beschleunigungswerte übertragen, wobei die Höhe der Prämie zu einem gewissen Prozentsatz von den gemessenen Daten abhängig gemacht wird; Herausfilterung von persönlichen Eigenschaften wie Geschlecht, Alter, politische Einstellung, Beziehungsstatus sowie Alkohol- oder Drogenkonsum aus Facebook-Likes; Bonitätsbewertung auf Basis der Kombination von 70.000 Merkmalen aus unterschiedlichsten Quellen einschließlich des Umstandes wie – zB die Häufigkeit der Nutzung der Löschtaste – ein Online-Kreditantrag ausgefüllt wird; Online-Shops welche die Produktauswahl und auch die Preise vom Online-Verhalten, den Standortinformationen, den benutzten Geräten und dem verwendeten Browser abhängig machen; All das sind Beispiele aus der vor kurzem veröffentlichten Studie „Kommerzielle digitale Überwachung im Alltag“, in welcher sich der Studienautor – Wolfie Christl – im Auftrag der Bundesarbeitskammer mit der zunehmenden Erfassung, Verknüpfung und Verwertung von persönlichen Daten und deren Auswirkungen auf unsere Privatsphäre und unser alltägliches Leben beschäftigte.

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