Tag Archives: Grundrechte

Fußball – eine private Angelegenheit?

fußball1Der Fußballplatz, das Stadion, die Tribüne wird wohl von den meisten Menschen als Ort der  Privatsphäre gesehen. Du triffst dich in deiner Freizeit mit Freundinnen, Bekannten und Familie, singst und/oder grölst vielleicht und erlebst – je nach Spielverlauf – Gefühls-Auf-und-Ab.  Beruflich sind dort zwar auch jede Menge Menschen am Werk – es schaut sich jemand dein Ticket an und dir in den Rucksack, verkauft dir etwas zu trinken, putzt hinter dir die Toilette und last but not least arbeiten da die FußballerInnen, TrainerInnen, SanitäterInnen – doch wird diesen ArbeitnehmerInnen eher wenig Aufmerksamkeit zuteil.

Man könnte davon ausgehen, dass im öffentlichen Raum „Fußball-Stadion“ die Privatsphäre geschützt, das Recht auf freie Meinungsäußerung intakt und das auf Versammlungsfreiheit gegeben ist. Bei dieser Privatangelegenheit Fußball wird allerdings immer mehr Überwachungstechnik eingesetzt, die dazu führt, dass diese Grundrechte immer weiter untergraben werden.

Beispiel EM 2012: Das Fußballmagazin Ballesterer berichtete, dass Polen ein besonderes neues Personenerkennungs-System einsetzen möchte: „Ein Verdächtiger wird ausgemacht. Sein Gesicht wird gescannt und automatisch mit einer Polizeisuchmaschine abgeglichen, die Ergebnisse werden umgehend den Einsatzkräften vor Ort zugespielt. Dazu werden soziale Netzwerke nach Informationen über die Person durchsucht. So oder so ähnlich hat sich die EU die Funktionen des Sicherheitsprogramms INDECT vorgestellt.“

Beispiel Fußball-Fan-Datenbanken: Namenslisten mit besonders unter Beobachtung stehenden Fußball-Fans (inklusive deren Bekannten) sind seit 2006 bekannt. Sie werden für verschiedene deutsche Vereine (zB St. Pauli und  HSV ) von der Polizei  zur Vorbeugung/Verhinderung von Gewalttaten im Zusammenhang mit Fußballspielen geführt. Schätzungsweise sind 4.000 Menschen darin erfasst – Genaues ist unbekannt, weil das Recht auf Auskunft nicht eingehalten wird. Mittlerweile wurden diese Daten aufgrund von Beschwerden von Fan-Rechtsanwälten und dem Einschreiten des Hamburger Datenschutzbeauftragten gelöscht – wer sich tatsächlich darauf befand wird also für immer im Dunkel der Geschichte bleiben.

Beispiel Bezahl-Chip: in zahlreichen Stadien der deutschen Erstligisten wird ausschließlich ein digitales Zahlungssystem verwendet, dessen genaue Auswertungsmethoden und -ergebnisse jedoch unklar sind. Klar ist nur, dass die Umsätze in den Stadien angestiegen sind und die nicht eingetauschten Restbeträge den Vereinen ein beachtliches „Körberlgeld“ verschaffen. Wer essen/ trinken/ pinkeln möchte, muss sich dieser Karte bedienen. „Lediglich in Paderborn, Hamburg und Freiburg gibt es keine Chipkarten. Stuttgart und Köln haben sie zu Saisonbeginn abgeschafft, Mönchengladbach nach einer Fanumfrage nie eingeführt.“ schreibt das Magazin Focus 2015.

Beispiel elektronischer Mitgliedsausweis: 2014 zogen sich türkische Clubs aus Istanbul den Unmut ihrer Fans zu. Es sollten nur mehr zahlende Mitglieder in die Stadien gelassen werden, beschrieb ein Fan-Aktivist im Interview mit dem Ballester die Situation: „Um Tageskarten oder ein Saisonabo zu kaufen, wirst du gezwungen, Kunde bei der Aktifbank zu werden. Dann fallen schon einmal die ersten Gebühren an: Für den Erwerb der Karte und für jedes einzelne Spiel.“ Welche Daten genau auf der Karte gespeichert werden sollten, wurde deren BesitzerInnen nicht verraten.

Dass Eintrittskarten nur gegen ausführlichen Bekanntgabe personenbezogener Daten verkauft werden, ist allerdings kein neues Phänomen; bereits bei der WM 2008 kam es in Deutschland zu Kritik an ebenjener FIFA-Strategie, die gegen Hooliganismus und Schwarzmarkt-Handel helfen solle. Name, Adresse, Geburtsdatum und Ausweisnummer mussten jedenfalls zur Verfügung gestellt werden, wollte man per Los als zukünftigeR KartenbesitzerIn gezogen werden. „Zumindest gelang den Datenschützern im Vorfeld der WM ein Teilerfolg im Kampf gegen die Einschränkung der persönlichen Rechte. Die Weitergabe von Namen und Adressen der Kartenkäufer an die WM-Werbepartner wurde den Organisatoren verboten. “ schrieb der ballesterer.

Momentan kommen in französischen EM-Stadien unter dem Motto „Terrorverdacht“ intensive Taschen- und Personenkontrollen, Drohnen und Metalldektoren zum Einsatz.  Was 2012 in Polen angedacht wurde, dürfte 2016 in Frankreich, als „intelligente Videoanalyse“ bezeichnet, im Einsatz sein. Im Arbeitsleben würden da jede Menge betriebsrätliche  Mitbestimmungsrechte schlagend werden.

Es drängt sich die Frage auf, ob Fußball-Fans als „Versuchskaninchen“ im „datenschutzrechtlichen Labor-Experiment Stadion“ zum Einsatz kommen? Nützlich ist das vor allem für Security-Firmen, die für den technischen und personellen IT-Support sorgen. Dass unsere (Fußball-)Welt dadurch ein geschützterer (Wohlfühl-)Ort wird, darf bezweifelt werden.

 

alle überwacht?

Schützen wir unseren Staat und/oder unsere Grundrechte?

Das geplante Staatschutzgesetz würde die erst im April 2014 vom Europäischen Gerichtshof gekippte Vorratsdatenspeicherung durch die Hintertüre wieder einführen.

  • möchten sie, dass ihre Verbindungsdaten sechs lange gespeichert werden oder lieber doch nicht?
  • möchten sie „aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen“ ausspioniert werden oder lieber doch nicht?
  • möchten sie, dass ihre Grundrechte eingeschränkt werden oder lieber doch nicht?

Wer das nicht möchte, hat noch kurze Zeit die Gelegenheit das mit einer Unterschrift kundzutun.

wie die Gebrüder Moped und andere das sehen, das sehen sie hier:

Neuauflage der Vorratsdatenspeicherung?

AugeJustizminister Brandstetter hat sich vor kurzem gegenüber der APA für eine Nachfolgregelung für die mit 1.7.2014 vom Verfassungsgerichtshof (VfGH) aufgehobene Vorratsdatenspeicherung (VDS) ausgesprochen. Brandstetter strebt eine „verfassungskonforme Regelung“ an, die auf bestimmte Bereiche schwerster Kriminalität – nämlich Mord und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung – abzielt. Heftige Kritik kommt von Seiten des Koalitionspartners SPÖ und von der Bürgerrechtsorganisation AKVorrat.

weiterlesen…

Grundrechte in Gefahr

Grundrechte_Dwora_SteinNachlese der Veranstaltung

Dwora Stein begrüßte mit einem Kurzüberblick über die derzeitge Lage der Grundrechte und stellte fest, dass sowohl Rechtsetzung als auch Rechtsprechung den technischen und ökonomischen Gegebenheiten hinterherhinken. Nur starke, demokratisch legitimierte Institutionen wie ein Betriebsrat oder das Europäische Parlament können diesen Entwicklungen etwas entgegen setzen.

Grundrechte_Herta-Däubler-GmelinHerta Däubler-Gmelin referierte über die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, die zu einer immer stärkeren Einschränkung der Grundrechte beitrugen (zB „Anti-Terror-Gesetzgebung“) und stellte fest, dass es KEIN Supergrundrecht geben könne. Schon allein die Tatsache, dass ein Grundrecht mehr Wert sein solle als ein anderes, widerspreche dem Gedanken der Grundrechtsgesetze.

Thomas Stiegmaier stellte (in Vertretung von Evelyn Regner) die europäische Gesetzgebung der letzten Legislaturperiode dar und vermittelte die Anstrengungen im Beschäftigungsausschuss, den zunehmenden Einschnitten in ArbeitnehmerInnenrechte entgegenzuwirken (zB Troika mit ihrem Austeritätskurs).

Joe Weidenholzer gab einen umfassenden Einblick in die Aktivitäten des Europäischen Parlaments; Massenüberwachung, Spionage und Datentracking im großen Stil könne und wolle er als Europa-Parlamentarier nicht hinnehmen. Erfreulich sei daher der soeben im Ausschuss für Bürgerliche Freiheiten vorgestellte Bericht, der streng mit den us-amerikanischen Spionageaktivitäten ins Gericht geht.

Gerhard Kunnert vom Bundeskanzleramt verwehrte sich in seinem Vortrag gegen den Vorwurf der Verzögerungstaktik seitens des EU-Rates und legte dar, aufgrund welcher Kritikpunkte in der derzeit geplanten Datenschutz-Grundverordnung, der Europäische Rat Bedenken hat, dem Gesetzesentwurf in dieser Form zuzustimmen. So werden das One-Stop-Prinzip schon alleine aufgrund der Sprachenvielfalt nicht funktionieren.

(c)datadealer.com CC-BY-SA

(c)datadealer.com CC-BY-SA

Nach einer kurzen Mittagspause war der Saal abermals gut gefüllt und Wolfie Christl vom Datadealer gewährte dem Publikum unterhaltsame Einblicke in die umfassenden Überwachungsmöglichkeiten im Netz. Die quantified-Self-Bewegung mit ihrer Vermessung von Körperfunktionen wurde ebenso dargestellt wie die schier ungaublichen Möglichkeiten des personenbezogenen Datentrackings seitens eigens dafür gegründeter Unternehmen (zB Axion). Auch wenn er kein Jurist, Abgeordneter oder ehemalige deutsche Ministerin ist (wie er in seinen Begrüßungsworten feststellte) so hatte er doch einiges zu sagen.

Walter Peissl vom Institut für Technikfolgenabschätzung vermittelte eine Innenansicht von Apps und was sie alles  – durchaus mit unserer tatkräftigen Hilfe – auf unseren Smartphones mitlesen. Wer Android Apps verwendet könnte diese vorher mit dem Clueful Privacy Advisor auf Datenschutzfreundlichkeit testen.

Andreas Krisch von AKVorrat stellte anhand der Europäischen Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung den steinigen Weg derjenigen dar, die auf einer Einhaltung der Grundrechte bestehen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurden folgende Hauptanliegen unserer Gäste formuliert:

Joe Weidenholzer:

Niemand würde Autos ohne Bremsen produzieren und genauso brauchen wir eine Datenschutz-Bremse für die Technik. Auch ein Unterrichtsprinzip Datenschutz, das auf spielerische Weise die Techniknutzung lehrt, könnte viel weiterbringen.

Herta Däubler Gmelin:

Eine öffentliche Diskussion wäre mir ein Herzenswunsch sowie technische Vorgaben, die auf politischen Absprachen beruhen.

Gerhard Kunnert:

Ein stärkerer emanzipatorischer Geist in der Bevölkerung wäre gut.

Wolfie Christl:

Eine kritische Netzkultur muss dem Staat auch etwas wert sein und besser finanziert werden.

Andreas Krisch:

Datenschutz soll dazu dienen Vertrauen der Bevölkerung in die Techniknutzung zu schaffen. Die Erkenntnis, dass Datenschutz einen Sicherheits- und einen Wirtschaftsfaktor darstellt, soll sich breit durchsetzen. Das wäre eine win-win-Situation auch für die Grundrechte.

Walter Peissl:

Vergehen gegen den Datenschutz und die Grundrechte tun leider niemandem direkt weh – das sollte sich ändern. Datenschutz-Missbrauch sollte jetzt weh tun und nicht erst in 10 Jahren. Dass die Gesellschaft endlich aufwacht, wäre mir ein großes Anliegen.

Zum Nachlesen für alle, die sich nicht alles gemerkt haben oder leider nicht kommen konnten, gibt es hier die Unterlagen von Andreas Krisch, Walter Peissl, Evelyn Regner, Gerhard Kunnert und Joe Weidenholzer.

Massenüberwachung widerspricht Menschenrechten

Quelle: Franklin D Roosevelt Library website
Quelle: Franklin D Roosevelt Library website

internationale Konvention für digitale Rechte gefordert

Am 10. Dezember 1948 wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (aka: UN-Deklaration, Menschenrechtscharta oder AEMR) von der UNO-Vollversammlung angenommen. Elenor Roosevelt leitete jene UN-Kommission, die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen worden war, um die erste Allgemeine Erklärung der Menschenrechte auszuarbeiten.

Dieses Datum nahmen weltweit 500 SchriftstellerInnen zum Anlass, um einen Aufruf zu starten. Ausgegangen ist die Aktion von einer Gruppe von SchriftstellerInnen rund um Juli Zeh (sie hatte bereits im Sommer mit einem offenen Brief auf die Menschenrechtsverletzungen aufmerksam gemacht), Ilija Trojanow und Eva Menasse. Unter den UnterzeichnerInnen finden sich auch TrägerInnen des Literaturnobelpreis; Orhan Pamuk, J. M. Coetzee, Elfriede Jelinek, Günter Grass und Thomas Tranströmer sind mit den InitiatorInnen der Meinung, dass durch die Massenüberwachung Grundrechte wie das auf Privatsphäre und Meinugsfreiheit verletzt werden.

In zahlreichen Zeitungen wird von ihnen ein Stopp der Massenüberwachung sowie eine Internationale Konvention der digitalen Rechte seitens der UNO gefordert.

Ein Interview mit Julie Zeh und Ilja Trojanow gibt es dazu in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Wer gerne wissen möchte, wie es um die Grundrechte im digitalen Zeitalter generell bestellt ist, kann sich für 9.Jänner 2014 einen von GPA-djp und AK Wien gestalteten Termin vormerken.

Grundrechte im Netz von Ökonomie und Politik

netzwenn das Netz und das, was sich darin verfängt, immer unübersichtlicher werden…

Grundrechte geraten immer stärker unter Beschuss von unternehmerischen, staatlichen oder geheimdienstlichen Interessen. Das Bedürfnis der Einzelnen, ihre Grundrechte auf Privatsphäre, Datenschutz oder freie Meinungsäußerung zu schützen, nimmt gleichzeitig zu. Um diesen Zwiespalt öffentlich zu diskutieren, über die aktuellen Entwicklungen in Europa zu informieren und mögliche Zukunftsszenarien zu kreieren, laden GPA-djp und AK Wien zu einem Datenschutztag ins Bildungszentrum in der Theresianumgasse ein.

Dazu haben wir InsiderInnen aus den unterschiedlichsten Bereichen rund um den Datenschutz eingeladen:

  • die ehemalige deutsche Justizministerin, Herta Däubler-Gmelin wird die Widersprüche zwischen Verfassung und Spionage erörtern,
  • Evelyn Regner und Joe Weidenholzer aus dem EU-Parlament werden über die dortigen Entwicklungen in Sachen ArbeitnehmerInnenrechte und digital agenda berichten,
  • Gerhard Kunnert aus dem Bundeskanzleramt wird die perspektive aus der EU-Ratsarbeitsgruppe darstellen,
  • Wolfie Christl vom „Datadealer“ wird die vielfältigen Möglichkeiten der ArbeitnehmerInnen-Kontrolle im Netz  (z.B. per Recruitainment) vorstellen,
  • Walter Peissl vom Institut für Technikfolgenabschätzung wird die Möglichkeiten der ökonomischen Verwertbarkeit von Geodaten aufdecken,
  • und last but not least wird , Andreas Krisch von mk/sult, kürzlich nominiertes Mitglied im Datenschutzrat, uns die neuesten Entwicklungen zur Vorratsdatenspeicherung näher bringen.

Wer dann noch nicht genug hat, ist herzlich zur Podiumsdiskussion eingeladen,

am 9. Jänner 2014 von 9:00 bis 16:30

im großen Sall des AK-Bildungszentrums in der
Theresianumgasse 14-18, 1040 Wien.

Um Anmeldung wird per Email gebeten unter: veranstaltungen.ks@akwien.at

Wer sich gerne eine Einladung ausdrucken möchte, kann das hier.

PS: Wenn eine Person, mit der sie noch nie zuvor zu tun hatten, plötzlich weiß, wo sie sind, dann liegt das an der „Datenschutzbestimmung“ ihres neuen App.