Category Archives: IKT

Sommerpause

So ein Blog ist eine praktische Sache

immer erreichbar, Arbeitszeiten von 24 Stunden am Tag 7 Tage die Woche, merkt sich alles und zurück reden tut er auch nicht.

Aber hinter jedem erfolgreichen Blog steht ein_e (oder mehrere mehr oder weniger) erschöpfte Blogger_in…

…und der/die macht jetzt mal Sommerpause.

Eine solche Pause wünsche ich allen Leserinnen und Lesern und bedanke mich für eure Lesefreude, eure Diskussionsfreude und für eure Tipps, welche Themen sich für einen Beitrag eignen würden.

Was wäre ein Blog ohne die Leser_innen! DANKESCHÖN!

und auf Wieder-Lesen im Herbst.

Fragen zum betrieblichen Datenschutz und Digitalisierung

jetzt wollen’s alle wissen

Was ist der Schlüssel zu Schutz der Privatsphäre am Arbeitsplatz?

Wer bewacht welchen Schlüssel?

Wie wird im Betrieb, im Betriebsratsbüro und in der Gewerkschaft mit digitalen Themen umgegangen?

Das interessiert immer mehr Menschen. Immer mehr Institutionen wollen daher wissen wie es in der betrieblichen und gewerkschaftlichen Praxis aussieht und starten Projekte zu dem Themenbereich.

Was wäre ein gutes Projekt ohne vorherige Befragung der Betroffenen? Schließlich möchte man ja den Ist-Stand erfassen und so ist der erste Schritt meist eine Umfrage.

Bitte beteiligt euch möglichst zahlreich

Je größer die Beteiligung an den Umfragen, desto besser können Gewerkschaften auch auf die betrieblichen und betriebsrätlichen Anliegen eingehen.

Arbeiterkammer Wien befragt zum Datenschutz im Betriebsratsbüro

Um Erfahrungen aus der Arbeit in Betriebsrat und Personalvertretung zum Thema Datenschutz zu erhalten, führen die GPA-djp und andere Fachgewerkschaften gemeinsam mit der Arbeiterkammer Wien eine online-Befragung von Betriebsratsmitgliedern durch.

Es geht um die betriebsrätliche Praxis im Umgang mit den Daten der Beschäftigten. Welche Daten erhält der Betriebsrat überhaupt vom Arbeitgeber? Wer steht im Betrieb unterstützend zur Seite wenn es Fragen zum Datenschutz gibt? Diese und viele andere Fragen sollen geklärt werden.

Durchgeführt wird die Befragung durch die Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA). Die Befragung ist anonym, FORBA hat sich auch vertraglich zur Einhaltung der Bestimmungen des Datenschutzes verpflichtet und einen datenschutzrechtlich einwandfreien Anbieter für die online-Befragung ausgewählt.

Der Zeitaufwand beträgt etwa 10 bis 15 Minuten und die Umfrage wird noch bis Ende Juli online sein. Die online-Befragung findet sich hier.

Der Europäische Gewerkschaftsbund befragt zu den Auswirkungen der Digitalisierung

In der Befragung des EGB geht es um die Beteiligung von Arbeitnehmer/-innen und Gewerkschaften bei der Gestaltung der Digitalisierung. In der Beteiligung liegt nämlich der Schlüssel zu FAIRer Digitalisierung, ist der EGB überzeugt und sammelt daher BestPractise-Beispiele aus allen Ländern, Branchen und Unternehmen. (Es besteht auch die Möglichkeit zur telefonischen Kontaktaufnahmen auf deutsch, falls man die Best-Practise- und andere Erfahrungen nicht in die Tastatur tippen möchte!)

Die internationale Projektgruppe hat im Jänner dazu ihr Feedback gegeben und nun ist die Befragung online.

Der Zeitaufwand ist in etwa 20 Minuten und die Befragung geht noch bis 20. Juni. Hier geht’s zur Umfrage online.

betrieblicher Datenschutz – altes Fass oder neuer Wein?

ein Veranstaltungsrückblick

Unter dem Titel „neue Technologien – neuer rechtlicher  Rahmen – neue Lösungen“ fand am 13. März im Bildungszentrum der Arbeiterkammer Wien eine Veranstaltung statt. Über 250 BetriebsrätInnen wollten sich die Ausführungen zu technologischen Veränderungen sowie der Datenschutzgrundverordnung und ihren voraussichtlichen Auswirkungen nicht entgehen lassen.

Rudi Kaske und Dwora Stein eröffneteN

an dem sonnigen Frühlingsnachmittag. Kaske betonte in seiner Rede, dass die Technik zunehmend komplexer werde und somit digitale Kompetenzen bei allen Betroffenen erfordere. Es gehe darum den digitalen Wandel zu gestalten und mitzubestimmen, sodass immer der Mensch die zentrale Figur ist.

Dwora Stein, die Geschäftsführerin der GPA-djp, nahm in ihrem Eingangsstatement vor allem die betriebliche Ebene in den Fokus. Betriebsrätinnen und Betriebsräte sind mit ihrer fachlichen Expertise, ihrer sozialen Kompetenzen und ihre internationalen Vernetzung gefordert um ihre rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen. Die Gewerkschaft stellt ihnen Hintergrundinformationen und Beratung zur Verfügung und den Einsatz dafür, die rechtlichen Rahmenbedingungen im Sinne der ArbeitnehmerInnen-Mitbestimmung zu gestalten.

Thomas Riesenecker erklärte technischen Wandel

Der Geschäftsführer der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt stellte die wesentlichen Veränderungen der digitalen Arbeitswelt dar und stellte dabei in Frage, ob es sich tatsächlich um eine „Revolution“ handelte und nicht vielmehr um eine Weiterentwicklung auf Basis bereits bestehender Technologien.

Insbesondere die Sensorik habe die Möglichkeiten der Maschinen verändert. Sie könnten nun miteinander (auch ohne direkte Intervention von Menschen) interagieren. Das sogenannte „Internet der Dinge“ (IoT) ist nun in der Robotik, der Fahrzeugtechnik und diversen anderen Anwendungsgebieten Thema.

Martina Chlestil stellte die derzeitige Rechtslage (DSG) und Clara Fritsch die kommende (DSGVO) dar

In einer Doppelkonference wurden die wesentlichen, für betrieblichen Datenschutz relevanten Gesetzesänderungen, die mit dem In-Kraft-treten der Europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) im Mai 2018 schlagend werden, vorgestellt:

  • das öffentliche Datenverarbeitungsregister wird zu einem innerbetrieblichen Verfahrensverzeichnis
  • der betriebliche Datenschutzbeauftragte wird – für bestimmte Unternehmen – verbindlich
  • die Mitbestimmungsrechte nach dem ArbVG bleiben erhalten

Matthias Schmidl beschrieb die Aufgaben der Datenschutzbehörde

Die Datenschutzbehörde, deren stellvertretender Leiter Matthias Schmidl ist, erhält mit der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) zusätzliche Aufgaben und neue Vorgaben, wie Prozesse abzuwickeln sind.

  • die Behörde wird in Abstimmung mit den anderen europäischen Behörden eine „Blacklist“ und eine „Whitelist“ erstellen, die angibt, welche Datenverwendungen eine Risikofolgenabschätzung benötigen – und welche nicht
  • die Behörde wird Geldbußen  – in Koordination mit den anderen europäischen Datenschutzbehörden – festlegen und verhängen
  • die Behörde wird – wie bisher auch – Ansprechstelle für Beschwerden sein

Nach einer kurzen Stärkung bei Kaffee und Kuchen, nahmen drei Betriebsräte und drei GewerkschaftssekretärInnen auf den roten Sesseln am Podium Platz und erzählten aus ihrem Umgang mit Technik im Betrieb.

Kollege Magnus von der Sucht- und Drogenkoordination der Stadt Wien stellte dar, wie ein Dokumentationssystem legal, aber trotzdem zum Nachteil der KollegInnen verwendet werden kann, indem daraus errechnet wird, wie viele Prozent der eingeladenen KlientInnen tatsächlich kommen. Auf dieser Basis werden mehr KlientInnen eingeladen, als Termine zur Verfügung stehen (Überbuchung), was aufgrund des gesteigerten Arbeitsdrucks zu Konflikten zwischen den verschiedenen Berufsgruppen führt. Gemeinsam mit der zuständigen Fachgewerkschaft GPA-djp arbeitet man nun an einer Betriebsvereinbarung zu dem System. Eva Angerler strich in ihrem Statement heraus, dass es bei Technik im Unternehmen immer um drei Säulen geht

  • einen rechtlichen Rahmen zu schaffen mittels Betriebsvereinbarung
  • einen Datenschutz durch Technik zu gewährleisten
  • und eine Betriebskultur, die Datenschutz-Bewusstsein im täglichen Miteinander lebbar macht.

Kollege Szalay beschrieb wie Wien Energie versuchte, ein elektronisches Fahrtenbuch einzuführen und auf Initiative der Betriebsrates ein solches mehrere Jahre nicht der Fall war – so lange bis es eine den Wünschen der ArbeitnehmerInnen entsprechende Betriebsvereinbarung dazu gab. Andreas Schlitzer aus der Pro-Ge hat dabei die rechtliche Beratungsarbeit geleistet.

Auch bei den ÖBB-BCC stellt die Digitalisierung ein wesentliches Thema dar. Ein so wesentliches, dass man gemeinsam mit dem Ministerium, der Forba und der Gewerkschaft vida ein eigenes Projekt dazu auf die Beine gestellt hat. „Und ihr werdet es nicht glauben“ sagte der Betriebsrat Josef Brenner „was das geändert hat, dass wir einmal nicht den Entwicklungen hinten nach gelaufen sind, sondern als Betriebsrat aktiv begonnen haben, ein eigenes Projekt dazu aufzusetzen.“

Alle Präsentationen und Handouts zur Veranstaltung finden sich hier.

Alles kann natürlich in einem Nachmittag nicht besprochen, diskutiert und gelöst werden. Wenn nun Interesse entstanden sein soll, freuen sich Arbeiterkammer und Fachgewerkschaften; zu Wirkungen und Nebenwirkungen der Digitalisierung und der neuen Gesetzeslage wenden sie sich vertrauensvoll an ihre Interessenvertretung oder ihre Fachgewerkschaft.

Digital, radikal, ideal?

Leere Konferenzräume, weil man ja ohnehin digital zugeschalten werden kann? Ist das die Zukunft der Arbeit? Oder werden uns Roboter mit ihren mitdenkenden Algorithmen gleich ganz ersetzen und wir beziehen alle ein Grundeinkommen?

wer hat morgen Arbeit?

fragten sich Constanze Griessler und Franziska Mayr-Keber 2014 und auf 3SAT wurde das Ergebnis gestern gesendet. Antworten suchen sie mit dem Soziologen Hartmuth Rosa, dem Künstler Niki Passath, der Bloggerin Madeleine Alizadeh, dem Chef der Erstebank Andreas Treichl, dem Personalchef aus der schönen neuen Arbeitswelt von Google Hamburg und noch einigen anderen.

Man könnte meinen, ein Film wie viele andere Dokus, die es in letzter Zeit zur „Digitalisierung der Arbeit“ gab. Aber nein, etwas ist diesmal anders, irgendein Aspekt wird hier ausführlich beleuchtet, der neu in der medialen Darstellung von „Arbeit 4.0“ erscheint, was war das noch mal?

Diesmal ist viel Gewerkschaft dabei! Walter Stern spricht ausführlich über Betriebsratsarbeit  – altersbedingt aus einer Zeit in der unter „industrielle Revolution“ noch das mit den Fließbändern und der Massenproduktion gemeint war und als Arbeitszeitverkürzung noch durchgesetzt werden konnte. Eine  (angebliche) Begebenheit aus der „guten alten“ Zeit, ist allerdings nach wie vor hochaktuell:

Zeigt der Firmenchef eines Autoherstellers dem Gewerkschaftssekretär eine weitgehend automatisierte Werkshalle und fragt: „Sehen sie, die ganze Arbeit kann von nur drei Robotern gemacht werden? Wer wird jetzt ihre Gewerkschaftsbeiträge zahlen?“ Antwortet der Gewerkschafter: „Und wer wird ihre Autos kaufen?“

Ein Film über die Veränderungen der Arbeit:

Historisch, digital, sehenswert!

Fußball – eine private Angelegenheit?

fußball1Der Fußballplatz, das Stadion, die Tribüne wird wohl von den meisten Menschen als Ort der  Privatsphäre gesehen. Du triffst dich in deiner Freizeit mit Freundinnen, Bekannten und Familie, singst und/oder grölst vielleicht und erlebst – je nach Spielverlauf – Gefühls-Auf-und-Ab.  Beruflich sind dort zwar auch jede Menge Menschen am Werk – es schaut sich jemand dein Ticket an und dir in den Rucksack, verkauft dir etwas zu trinken, putzt hinter dir die Toilette und last but not least arbeiten da die FußballerInnen, TrainerInnen, SanitäterInnen – doch wird diesen ArbeitnehmerInnen eher wenig Aufmerksamkeit zuteil.

Man könnte davon ausgehen, dass im öffentlichen Raum „Fußball-Stadion“ die Privatsphäre geschützt, das Recht auf freie Meinungsäußerung intakt und das auf Versammlungsfreiheit gegeben ist. Bei dieser Privatangelegenheit Fußball wird allerdings immer mehr Überwachungstechnik eingesetzt, die dazu führt, dass diese Grundrechte immer weiter untergraben werden.

Beispiel EM 2012: Das Fußballmagazin Ballesterer berichtete, dass Polen ein besonderes neues Personenerkennungs-System einsetzen möchte: „Ein Verdächtiger wird ausgemacht. Sein Gesicht wird gescannt und automatisch mit einer Polizeisuchmaschine abgeglichen, die Ergebnisse werden umgehend den Einsatzkräften vor Ort zugespielt. Dazu werden soziale Netzwerke nach Informationen über die Person durchsucht. So oder so ähnlich hat sich die EU die Funktionen des Sicherheitsprogramms INDECT vorgestellt.“

Beispiel Fußball-Fan-Datenbanken: Namenslisten mit besonders unter Beobachtung stehenden Fußball-Fans (inklusive deren Bekannten) sind seit 2006 bekannt. Sie werden für verschiedene deutsche Vereine (zB St. Pauli und  HSV ) von der Polizei  zur Vorbeugung/Verhinderung von Gewalttaten im Zusammenhang mit Fußballspielen geführt. Schätzungsweise sind 4.000 Menschen darin erfasst – Genaues ist unbekannt, weil das Recht auf Auskunft nicht eingehalten wird. Mittlerweile wurden diese Daten aufgrund von Beschwerden von Fan-Rechtsanwälten und dem Einschreiten des Hamburger Datenschutzbeauftragten gelöscht – wer sich tatsächlich darauf befand wird also für immer im Dunkel der Geschichte bleiben.

Beispiel Bezahl-Chip: in zahlreichen Stadien der deutschen Erstligisten wird ausschließlich ein digitales Zahlungssystem verwendet, dessen genaue Auswertungsmethoden und -ergebnisse jedoch unklar sind. Klar ist nur, dass die Umsätze in den Stadien angestiegen sind und die nicht eingetauschten Restbeträge den Vereinen ein beachtliches „Körberlgeld“ verschaffen. Wer essen/ trinken/ pinkeln möchte, muss sich dieser Karte bedienen. „Lediglich in Paderborn, Hamburg und Freiburg gibt es keine Chipkarten. Stuttgart und Köln haben sie zu Saisonbeginn abgeschafft, Mönchengladbach nach einer Fanumfrage nie eingeführt.“ schreibt das Magazin Focus 2015.

Beispiel elektronischer Mitgliedsausweis: 2014 zogen sich türkische Clubs aus Istanbul den Unmut ihrer Fans zu. Es sollten nur mehr zahlende Mitglieder in die Stadien gelassen werden, beschrieb ein Fan-Aktivist im Interview mit dem Ballester die Situation: „Um Tageskarten oder ein Saisonabo zu kaufen, wirst du gezwungen, Kunde bei der Aktifbank zu werden. Dann fallen schon einmal die ersten Gebühren an: Für den Erwerb der Karte und für jedes einzelne Spiel.“ Welche Daten genau auf der Karte gespeichert werden sollten, wurde deren BesitzerInnen nicht verraten.

Dass Eintrittskarten nur gegen ausführlichen Bekanntgabe personenbezogener Daten verkauft werden, ist allerdings kein neues Phänomen; bereits bei der WM 2008 kam es in Deutschland zu Kritik an ebenjener FIFA-Strategie, die gegen Hooliganismus und Schwarzmarkt-Handel helfen solle. Name, Adresse, Geburtsdatum und Ausweisnummer mussten jedenfalls zur Verfügung gestellt werden, wollte man per Los als zukünftigeR KartenbesitzerIn gezogen werden. „Zumindest gelang den Datenschützern im Vorfeld der WM ein Teilerfolg im Kampf gegen die Einschränkung der persönlichen Rechte. Die Weitergabe von Namen und Adressen der Kartenkäufer an die WM-Werbepartner wurde den Organisatoren verboten. “ schrieb der ballesterer.

Momentan kommen in französischen EM-Stadien unter dem Motto „Terrorverdacht“ intensive Taschen- und Personenkontrollen, Drohnen und Metalldektoren zum Einsatz.  Was 2012 in Polen angedacht wurde, dürfte 2016 in Frankreich, als „intelligente Videoanalyse“ bezeichnet, im Einsatz sein. Im Arbeitsleben würden da jede Menge betriebsrätliche  Mitbestimmungsrechte schlagend werden.

Es drängt sich die Frage auf, ob Fußball-Fans als „Versuchskaninchen“ im „datenschutzrechtlichen Labor-Experiment Stadion“ zum Einsatz kommen? Nützlich ist das vor allem für Security-Firmen, die für den technischen und personellen IT-Support sorgen. Dass unsere (Fußball-)Welt dadurch ein geschützterer (Wohlfühl-)Ort wird, darf bezweifelt werden.

 

„Der Mensch kann Industrie 4.0“

pfeiffersagt die Soziologin Prof. Sabine Pfeiffer im Interview

Im ersten Trendreport von 2016, wurde die deutsche Professorin für Soziologie an der Universität Hohenheim, Sabine Pfeiffer,  zur Digitalisierung der Arbeit interviewt. Der Trendreport ist eine gemeinsame Publikation des Soziologie-Instituts der Universität Wien, der Gesellschaft für Europapolitik und der außeruniversitären Forschungseinrichtung FORBA.

Sabine Pfeiffer beschäftigt sich seit Jahrzehnten, also noch bevor der „4.0-Hype“ begann, mit empirischer Arbeitssoziologie und kann daher wertvolle wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse aus der Industriesoziologie zur Thematik rund um Qualifikationsbedarfe in der digitalisierten Arbeitswelt beisteuern.  Sabine Pfeiffer enthält ihre Erkenntnisse der interessierten Öffentlichkeit nicht vor sondern bloggt sie – Prädikat: besonders lesenswert! Warum man Beschäftigte von Beginn an in die Gestaltung der Arbeitswelt 4.0 einbeziehen sollte und über die Herausforderungen der Digitalen Agenda spricht sie mit der Arbeitssoziologin Annika Schönauer.

(Danke an Annika Schönauer und Sabine Pfeiffer, dass wir das Interview auch unseren Blog-LeserInnen zur Verfügung stellen dürfen.)

Trendreport: Oft wird im Zuge der Diskussionen um Industrie 4.0 das Bild einer „Revolution“ gezeichnet. Finden Sie dieses Bild angebracht?

Pfeiffer: So einfach ist das nicht zu sagen. Industrielle Revolutionen werden üblicherweise nicht vorher ausgerufen. Und viele Elemente von dem, was unter den Stichworten „Smart“ und „4.0“ als neu diskutiert wird, gibt es auch schon länger. Sicher werden wir in Teilbereichen einen exponentielleren Wandel erleben als wir das aus den Jahren davor kennen. Manches wird so schnell passieren, dass bewusste gesellschaftliche Gestaltung schwerfällt, anderes wird auch noch eine Weile beharrlich bleiben wie es ist. Die Entwicklung wird sicher heterogen und ungleichzeitig verlaufen – gesellschaftlich betrachtet kommt es dabei darauf an, dass wir nicht neue Dimensionen einer digitalen Kluft – auch Digital Divide genannt – schaffen.

Trendreport: Wo kann auf Unternehmensebene bei der Gestaltbarkeit von Technik in der Arbeit angesetzt werden, um diese möglichst humanorientiert zu vollziehen?

Pfeiffer: Eigentlich ist es ja schon komisch, dass wir die Humanorientierung immer so betonen (müssen). Wir haben tolle neue technologische Möglichkeiten und wir sollten sie vor allem zur Verbesserung unseres Lebens, unserer Arbeit und unseres Planeten einsetzen. Wir könnten neu über Schicht- und Taktbindung nachdenken, wir könnten wirklich konsequent ressourcenorientiert produzieren. Um in diese Richtung zu gestalten, müssen wir uns aber entscheiden, bei der Gestaltung nicht nur auf reine Markterfordernisse zu achten. Auf Unternehmensebene ist die beste Idee, die Beschäftigten von Beginn an in die Gestaltung der Arbeit einzubeziehen: Partizipation von Anfang an führt zu besserer Technik und zu einer humaneren Arbeitswelt.

Trendreport: Wo sehen Sie in Europa und national politisch die wichtigsten Herausforderungen im Zuge einer „Digitalen Agenda“?

Pfeiffer: Die Dynamik der Entwicklung führt zu verstehbaren Anstrengungen der Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit unsere Wirtschaft im globalen Wettbewerb vorne mit dabei ist. Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Handeln müssen auch in der 4.0-Welt reguliert werden. Wer die Transformation zur Deregulierung nutzt, erweist der nationalen und europäischen Wirtschaft einen Bärendienst: mögliche kurzfristige volkswirtschaftliche Effekte werden mittel- und langfristig die Wettbewerbsstärke Europas unterlaufen. Errungenschaften sozialer Sicherungssysteme müssen ebenso integraler Bestandteil einer Digitalen Agenda sein wie Mitbestimmung und Arbeitnehmer/innendatenschutz. Sicher müssen die Formen der Regulierung hier und da verändert werden, aber: wer für eine reine Deregulierung eintritt, gibt damit jede gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeit aus der Hand.

Trendreport: In welche Richtung entwickeln sich die  ualifikationsanforderungen im Zuge zunehmender Informatisierung und Digitalisierung von Arbeit?

Pfeiffer: Die bisherige Automatisierungsgeschichte lehrt uns: Insgesamt wird die Arbeitswelt noch komplexer werden als heute – d.h. selbst Beschäftigte mit eher einfachen Tätigkeiten werden tendenziell mehr können und wissen müssen als heute. Automatisierung – ob in klassischer Form oder über Algorithmen – wird eingesetzt, um menschliche Arbeit zu ersetzen. Viele Szenarien gehen momentan davon aus, dass vor allem einfache, repetitive Tätigkeiten verschwinden werden und dass intelligente Algorithmen zunehmend auch mittlere und qualifiziertere Jobs ersetzen. Ob und wie sich die Arbeitswelt wirklich verändern wird, und mit welcher Geschwindigkeit, kann im Moment aber niemand seriös voraussagen – alle kursierenden Hochrechnungen sollte man mit gesunder Skepsis betrachten. Zu den Qualifikationsanforderungen lässt sich an wirklich neuen  Herausforderungen ableiten: Wir alle werden erstens von Datenschutz und Privacy mehr verstehen und zweitens den Umgang mit großen Datenmengen erlernen müssen. Das gilt quer zu Berufen und Hierarchieebenen. Insbesondere Führungskräfte werden verstehen müssen, dass Muster und Korrelationen in großen Datenmengen nicht zwangsläufig auf kausale Zusammenhänge hindeuten.

Trendreport: Gerade in der mobilen Arbeit spielen Informations- und Kommunikationstechnologien eine wichtige Rolle. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken?

Pfeiffer: Bei jedem bisherigen Schritt der Informatisierung – von der Telearbeit der 1970er- und 1980er-Jahre bis heute – findet sich immer wieder die Hoffnung, dass über die zunehmende Unabhängigkeit von Ort und Zeit endlich mehr Chancen für Vereinbarkeit von Arbeit und Leben entstehen. Wir beobachten aber auch im selben Zeitraum, dass diese Hoffnung nicht immer und automatisch für alle aufgeht. Wir sehen seit Jahren eine deutliche Zunahme von psychischer Belastung. Das ist aus meiner Sicht weniger eine Folge der Digitalisierung als eine der ständigen Extensivierung und Intensivierung der Arbeit. Digitale Technik verstärkt diesen letztlich ökonomisch getriebenen Trend zwar oft, wird aber oft gleichzeitig als entlastendes Tool erlebt. Die Risiken liegen daher eher in den Mechanismen von Arbeitszuweisung, Leistungskontrolle, ausuferndem Arbeitspensum usw. und der Abwälzung der Flexibilisierungsnotwendigkeiten der Wirtschaft auf das Individuum und seine persönlichen Ressourcen, wie zum Beispiel Gesundheit, Lebenswelt, Familie und soziale Beziehungen. Diese Externalisierung gilt es zu thematisieren und hierfür bessere Lösungen zu finden. Dabei kann gut gestaltete digitale Technik helfen – die Ursachen der beobachteten Risiken liegen aber woanders.

Trendreport: Sie schreiben in Ihren Publikationen „der Mensch kann Industrie 4.0“. Was meinen Sie damit?

Pfeiffer: Immer wieder liest man, der Mensch sei nicht fit für den Wandel. Das ist aus meiner Sicht Schwarzmalerei an der falschen Stelle. Die Beschäftigtenstruktur in Deutschland etwa ist gut aufgestellt. Eigene Berechnungen zeigen: 71 Prozent aller Beschäftigten gehen heute schon an ihrem Arbeitsplatz erfolgreich mit Wandel, mit Komplexität und Unwägbarkeiten um. In den industriellen Branchen Maschinenbau (81 Prozent) oder Automotive und IT (je 79 Prozent) liegen die Werte noch deutlich höher. Das Potenzial zur Gestaltung und zum Umgang mit Wandel ist also da. Wenn die Beschäftigten heute in die Gestaltung der Arbeitswelt 4.0 einbezogen werden – und zwar partizipativ und von Anfang an – dann lösen sich auf diesem Weg nicht nur anstehende Qualifizierungsbedarfe, sondern es entstehen nachhaltig wettbewerbsfähige Arbeitswelten. Wirklich dazu lernen muss das Management, das allzu oft das Potenzial der eigenen Beschäftigten zur Innovation unterschätzt. Was weitgehend fehlt, sind daher wirklich partizipative Formen innovativer Gestaltung.

Trendreport: Herzlichen Dank für das Interview

Und wer noch immer nicht genug hat und noch ein Interview mit Sabine Pfeiffer sehen möchte, klickt jetzt hier und erfährt etwas darüber was überhaupt digital ersetzbar ist und was das für BetriebsrätInnen bedeutet.

 

Digital Roadmap – wie gestalten wir den digitalen Wandel?

Beteiligung an Online-Konsultation des Bundeskanzleramts bis 13. März

(ein Veranstaltungsbericht von Eva Angerler)

Der digitale Wandel ist vergleichbar mit dem Übergang von der Jäger- und Sammlergesellschaft zum Ackerbau.

Das ganze Wirtschaftssystem muss umgebaut werden.

Mit diesen und weiteren Aussagen wurde auf dem IKT-Konvent 2016 die große Bedeutung des digitalen Wandels, in dem wir uns zur Zeit befinden, beschrieben. Einig ist man sich darüber, dass die Veränderungen, die sich zur Zeit vollziehen, grundlegend sind und alle Lebensbereiche betreffen. Einig ist man sich auch, dass die Beteiligung an der Gestaltung des digitalen Wandels möglichst breit sein soll.

Das Bundeskanzleramt hat daher einen Prozess für eine „Digital Roadmap“ aufgesetzt. Dazu wurden Leitprinzipien erarbeitet und Handlungsfelder definiert, die als Grundlage für einen breiten Beteiligungsprozess dienen. Die Auftaktveranstaltung dazu stellte der IKT-Konvent 2016 am 18. Februar in der Aula der Wissenschaften dar, wo ein überblicksmäßiges digitalroadmap_Diskussionspapier präsentiert wurde.

Die zunehmende Digitalisierung führt zu strukturellen Veränderungen in der Arbeitswelt, was wiederum Veränderungen in der Arbeitsorganisaiton, der Qualität der Arbeit und bei den Qualifikationsbedürfnissen nach sich zieht.

Im Workshop Arbeitsrecht im Rahmen des IKT-Konvents waren mobiles Arbeiten, grenzüberschreitendes Arbeiten, atypische Beschäftigung sowie Online Plattformen die vorherrschenden Themen.

Ein Riesenthema im Zusammenhang mit Digitalisierung – auch in der Arbeitswelt – ist der Datenschutz und der Schutz der Privatsphäre. Denn digitale Arbeitsumgebungen ermöglichen die Nachverfolgung der Aktivitäten der Beschäftigten nicht zuletzt zur Kontrolle und Steuerung.

Im Zusammenhang mit all diesen Themen ruft das Bundeskanzleramt nun dazu auf, Gestaltungsideen im Rahmen einer Online-Konsultation bis 13. März 2016 einzubringen. Bitte beteiligt euch, denn es ist sehr wichtig, dass die ArbeitnehmerInnenpositionen und -sichtweisen möglichst breit in diesem Prozess verankert werden! (hoffentlich schafft es das BKA bald, dass die angegebene Seite zur Konsultation wirklich läuft, denn derzeit tut sie das leider nicht.)

Videos und Präsentationen des IKT-Konvent (nicht  schrecken, die Moderatorin legt sofort los.)

„Arbeit in der digitalisierten Welt“

buchcovereine Rezension des Sammelbandes zur Fachtagung des deutschen Bundesministeriums für Bildung und Forschung (Berlin 2015)

In dem Band wird das  schier Unmögliche versucht: die gesamte Bandbreite des Forschungsgebiets „Digitale Arbeit“ mit all seinen Haupt- und Nebenströmungen, (mit-)reißenden Fluten und stillen Gewässern abzudecken – und es gelingt größtenteils. Die Vielfältigkeit und die unterschiedlichen Ansichten zu dem Thema werden auf hohem wissenschaftlichem Niveau diskutiert.

Während beispielsweise Delden/ Chia (innosabi GmbH) die Dialog und Mitsprache fördernden Möglichkeiten von Crowdsourcing abfeiern, steht Schröder (ver.di) den arbeitsverteilenden Plattformen in der Cloud eher skeptisch gegenüber und Leimeister (Universität Kassel) et al. beleuchten differenziert die unterschiedlichen Arbeitsformen in der Cloud sowie die arbeitsrechtlichen Folgen.

Während Gäde-Butzlaff (Berliner Gaswerke) der Ansicht ist, „die Wirtschaft darf nicht auf die Politik warten, sondern muss selber handeln“ fordert Schröder gerade dieses politische Handeln z.B. in Form gesetzlicher Regelungen zum Arbeitsschutz und einem Recht auf Nicht-Erreichbarkeit ein.

Grötsch (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) et al. prognostizieren in der individuellen und kontextspezifischen Zusammenarbeit zwischen Mensch und Roboter DAS Mittel zur Arbeitsgestaltung. Hier fehlt die ausführliche kritische Perspektive, dass bei derartig datenintensiven Anwendungen grobe datenschutzrechtliche und grundrechtliche Fragen aufgeworfen werden.

Hirsch-Kreinsen (Tu Dortmund) sieht das zentrale Problem in der Diskrepanz zwischen Kontrollierbarkeit der technischen Systeme durch die Nutzerinnen/ Arbeitnehmerinnen und der ihnen übergebenen tatsächlichen (Eigen-)Verantwortung. Georg/ Hellinger (TU Dortmund bzw. IGmetall) stellen die sozialen Aspekte von Technik- und damit Digitalisierungsgestaltung in den Vordergrund und kritisieren den bislang vorherrschenden Technikdeterminismus. Einige Forschung ist in den letzten Jahren zu den gesundheitlichen Aspekten  (auch ergonomischen und psychischen) digitalisierter Arbeit entstanden.

Was m.M. nach in dem Band fehlt, sind Forschungen zu kollektiven Sicherungssysteme, die gerade in Zeiten zunehmender Individualisierung und Entgrenzung notwendig sind.

Resümee:

Die Veranstaltung wurde vom Ministerium für Bildung und Forschung organisiert – da ist es selbstverständlich, dass vorwiegend Forscher und Forscherinnen unterschiedlichster Disziplinen zu Wort kommen. Schade nur, dass sich vergleichsweise wenige Beiträge mit der Perspektive der Arbeitnehmerinnen beschäftigen, die kollektiv auszuhandelnden Arbeitsbedingungen in den Blick nehmen oder den Implikationen für die kollektiven Sicherungssysteme auf den Grund gehen – Ausnahmen wie Lothar Schröder (ver.di), Ariane Hellinger (IGmetall), Erich Bullmann (Betriebsrat bei TRILUX) oder Sabine Pfeiffer (Professorin Universität Hohenheim) bestätigen die Regel.  Naja, von Gewerkschaft-Seite gibt es dann wahrscheinlich den praktisch-handelnden, aktiven-gestaltenden Zugang, der nicht zwischen Buchdeckel passt, sondern zwischen den Menschen und den Maschinen im Betrieb in Echtzeit passiert. Im Vorwort formuliert der Herausgeber Christoper M. Schlink, Präsident der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft, den Handlungsbedarf dahingehend:

„Zudem muss der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis deutlich intensiviert werden. (…) möchte ich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der interdisziplinären arbeitsbezogenen Forschung darin bestärken, sich gemeinsam mit Unternehmen und ihren Beschäftigten [sic!] aktiv an der Analyse bestehender und der vorausschauenden Gestaltung zukünftiger Arbeitssysteme und -bedingungen (…) zu beteiligen.““

Veranstaltung des AKVorrat

Anlässlich des Jahrestages des EuGH-Urteils, mit dem die Vorratsdatenspeicherungs-RL aufgehoben wurde, macht der AKVorrat eine Veranstaltung mit dem Titel „Noch (k)ein Grund zum Feiern“, bei der einerseits vergangene Erfolge (wie zB das EuGH- sowie das darauf aufbauende VfGH-Urteil) gefeiert, und andererseits über aktuelle Aktivitäten der Organisation für mehr Grundrechtsschutz im Internet informiert werden soll.

Hier die Veranstaltungseinladung.

 

Crowdworking – Ein Phänomen der Digitalisierung der Arbeitswelt

Tastatur eines Computers vor BildschirmWir leben in einer Zeit, in der sich durch die rasant fortschreitende digitale Vernetzung von immer mehr Lebens- und Arbeitsbereichen, die Wirtschaft, Arbeitswelt und Gesellschaft grundlegend transformiert. Rechen-, Speicher- und Übertragungskakapazitäten verfielfachen, beschleunigen und verbilligen sich. Neben Begriffen wie „Industrie 4.0“, dem „Internet der Dinge“ und „Big Data“, taucht in Bezug auf die Arbeitsorganisation (und damit verbunden natürlich auch deren Bedingungen) ein weiteres Schlagwort auf, dass mit der zunehmenden Digitalisierung in Zusammenhang steht, nämlich Crowdworking.

weiterlesen …