der die oder das Digitalisierung

welches Geschlecht hat die Digitalisierung?

ein Schnelldurchlauf durch den Digitalisierungsdiskurs aus Genderperspektive

Auf den ersten Blick mögen die Vor- und Nachteile der bit- und byte-getriebenen Veränderungen in der Arbeitswelt für alle Menschen gleich sein. JedeR hat Zugang zum gleichen Internet; Roboter unterscheiden nicht, ober einer Frau oder einem Mann zugearbeitet wird. Die Digitalisierung der Arbeitswelt präsentiert sich weitgehend geschlechtsneutral.

Die Forschungsinstitute L&R und ZSI haben sich gemeinsam im Auftrag des Sozialministeriums angesehen, wie viel Schnittmenge derzeit zwischen Digitalisierung und Gender besteht. In drei Teilbereichen, nämlich der Darstellung von Frauen in Bildern und Fachliteratur, der Förderpolitik und den Qualifikationsprofilen, haben sich Nadja Bergmann, Helmut Gassler und Ferdinand Lechner des umfangreichen Themas angenommen.

Um ein Ergebnis von der Studienautorin Nadja Bergmann formuliert, gleich vorweg zu nehmen:

Das gegenseitige Interesse von Frauenforschung und Digitalisierung ist eher Mangelware.

„Je weniger darüber gesprochen wird, umso wirkmächtiger ist die Geschlechterdifferenz.“ (Paula-Irene Villa)

Geschlechterdifferenzen sind mit der Digitalisierung auf dem Arbeitsmarkt nicht unbedingt kleiner geworden. Branchen, in denen derzeit viel automatisiert, standardisiert, also digitalisiert, wird, sind traditionelle Frauenbranchen (Handel, Banken). Die Auswirkungen sind aber nicht direkt der Arbeitsplatzverlust, sondern eine andere Arbeitsgestaltung (standardisierte Arbeitsabläufe), neue Geschäftsmodelle (e-commerce) und auch sozial andere Anforderungen (weniger direktes KundInnenservice).

Die einzige Studie aus Österreich, die es derzeit zu geschlechtsspezifischen Auswirkungen am Arbeitsmarkt gibt, stammt von Julia Bock-Schappelwein (WIFO). Die Arbeiterkammer hat ein Projekt gestartet, das sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung in jenen Berufen beschäftigt, die hauptsächlich von Frauen ausgeübt werden.

In der bildlichen Darstellung von Digitalisierung lässt sich ebenfalls eine Verzerrung feststellen. Die dominante Gruppe sind weiße Männer unter 40. Anwender, Entwickler, interessierte Messebesucher, sie alle sind in der Mehrzahl dieser Gruppe zuzuordnen. Einzig im „Live-Science-Labor“ schaffen es auch einige Frauen auf die Bilder. Auch als Anwenderin mit der der augmented-reality-Brille ist sie ein beliebtes Sujet. An dieser Stelle soll nicht verschwiegen werden, dass eine Publikation des ÖGB-Verlags, die sich reich bebildert auf die „Suche nach den Pionieren (sic!) der Industrie 4.0″ begibt, diesbezüglich keine Ausnahmeerscheinung ist.

Frauen werden in dreierlei „Varianten“ wahrgenommen:

  • die „fehlende Frau“, die sich zu wenig auf die sich ihr öffnenden Möglichkeiten stürzt, sich zu wenig bewirbt, sich nicht die passende Ausbildung wählt und daher – leider – nicht vorhanden ist;
  • die „zu fördernde Frau“, der man die richtige Ausbildung schmackhaft machen müsste, der man die richtige Unterstützung (von Männern) angedeihen lassen müsse;
  • und die „gute Frau„, die Multitasking kann, die soziale, vernetzende, organisatorische und feinmotorische Fähigkeiten besitzt, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen möchte und der versprochen wird sie werde von der derzeitigen Entwicklung profitieren.

Es handelt sich vorwiegend um eine passive oder mangelbehaftete Darstellung von Frauen

Erstaunlich findet die Soziologin Nadja Bergmann, dass in der Fachliteratur die Gegenüberstellung von physischer Kraft und sozialen Kompetenzen und deren  – angeblich – ungleiche Verteilung auf die beiden Geschlechter nach wie vor als Begründung für ungleiche Chancenverteilung am Arbeitsmarkt angeführt wird.

Mir kommt die Debatte bekannt vor; wie die, die in den 1970er Jahren rund um Automatisierung und das Arbeitsvermögen von Frauen geführt wurde.

Gefunden wird eine Genderperspektive dann, wenn es um die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ geht. Theoretisch sollte die Digitalisierung, die Unabhängigkeit von fixem Arbeitsort und fixen Arbeitszeiten erleichtern. De facto nimmt der Druck zu, alles jederzeit und gleichzeitig zu erledigen.

Im österreichischen Forschungsförderungssystem ist die Genderperspektive nur rudimentär berücksichtigt. Die großen Förderprogramme (finanziert von der österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft, FFG, und Austria Wirtschafsservice GesmbH, AWS) unterstützen vorwiegend jene Forschung, die von den Marktführern, den so genannten „frontrunnern“ getätigt wird, und da steht in den seltensten Fällen der Genderaspekt im Vordergrund. Auch „Digitalisierung“ steht selten im Titel, an den konkreten Einreichungen lässt sich aber unschwer erkennen, dass es um ebendiese geht, diagnostiziert Helmut Gassler.

Interessante Ausnahme ist der „Roboterrat„, der unter der Leitung von Prof. Sabine Köszegi (TU Wien) und ihrem acht-köpfigen, inter-disziplinären und inter-nationalen Team, in dem sich auch drei Frauen befinden, Strategien zum Umgang mit Robotern ausgearbeitet werden sollen.

(Fast) jeder Digitalisierungdiskurs dreht sich auch um Bildung und Qualifizierung. Eine Hypothese besagt, Frauen würden mehr von der Digitalisierung profitieren können, hätten sie mehr „digitale Kompetenzen“ (wie auch immer diese konkret definiert sind). Die Debatte um Aus- und Weiterbildung sei jedoch relativ verengt auf den Industriesektor bezogen, stellt Ferdinand Lechner fest. Vor- und nachgelagerte Dienstleistungen bleiben weitgehend unbeachtet.

Der blind-spot Gender geht Hand in Hand mit dem blind-spot in den Qualifikationsanforderungen im Dienstleistungsbereich.

Der Fokus in der Qualifizierung dreht sich um die Adaptierung von Lehrgängen, deren Anreicherung um „digitale Kompetenzen“ (was auch immer man darunter verstehen mag), den Frauenanteil in MINT-Fächern zu erhöhen oder „digitale Kompetenzen“ als vierte Basiskompetenz (neben Lesen Schreiben und Rechnen) bereits in den primären Bildungseinrichtungen zu vermitteln. Eine Kritik am Konzept „digitale Kompetenz“, ein Hinterfragen der Digitalisierungs- und Qualifikationsdebatte aus Genderperspektive oder auch eine Empirie für die Dienstleistungsbrache bleiben da auf der Strecke.

Macht- und Entscheidungsstrukturen werden ausgeblendet zugunsten eines technikgetriebenen Diskurses

Tanja Carstensen beschäftigt sich an der TU Hamburg und der Universität München mit dem Thema Gender und  SocialMedia.  SocialMedia-Netzwerke werden vermehrt von Frauen genutzt, da sie ihrem Kommunikationsverhalten und ihrem Bedürfnissen nach Austausch und Teilhabe entspräche. Mittlerweile ist jedoch auch belegt, dass SocialMediaAktivitäten – besonders wenn sie negative Auswirkungen wie  Hate-Speach zur Folge haben – zu einem gestiegenen Leistungsdruck und psychischer Belastung führen, denen Frauen dann auch in besonderen Maße ausgesetzt sind. Tanja Carstensen kommt zu dem Schluss, dass die Digitalisierung keine neuen Antworten auf die alten feministischen Fragen nach der Verteilung, Bezahlung und Gestaltung von Arbeit hat. Zwar hätten die Apologeten der technischen Veränderung Besserung im Sinne der Gleichstellung versprochen; eine empirische Evidenz dafür lässt sich jedoch nicht finden.

Auch Bergmann et al. resümieren, dass die entscheidenden Fragen zur Digitaslisierung aus Geschlechterperspektive – Wie ist die (un-)bezahlte digitalisierte Arbeit verteilt? Wo gibt es Gestaltungsspielräume und für wen? – noch viel zu wenig gestellt und viel zu wenig von der öffentlichen Hand gefördert werden.

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